Familie Rosa und Louis Steinweg
Stadt 149,  heute: Gossenstr. 1
Eltern:

Louis Steinweg

geb. 09.09.1889

deportiert: 11.12.1941 Ghetto Riga
deportiert: Dez. 1941 KZ Salspils

ermordet: 16.01.1942 im KZ Salaspils

 

 

 

Rosa Steinweg

geb. 25.01.1892 in Horstmar
geb. Cohen

deportiert: 11.12.1941 Ghetto Riga
deportiert: 01./02.11.1943 KZ Auschwitz ermordet

 

 

 
Kinder:

Pauline
geb. 02.10.1913 in Horstmar
verh. Cohn

Flucht nach Shanghai/China

Paula hat den Holocaust überlebt

 

Kurt Steinweg

 

Kurt

geb. 27.08.1920 in Horstmar

deportiert: 11.12.1941 Ghetto Riga deportiert: 22.12.1941 KZ Salaspils deportiert: KZ Kaiserwald

deportiert: KZ Mühlgraben

deportiert: Gefängnis Hamburg-Fuhlsbüttel deportiert: KZ Kiel-Hasse

Kurt hat den Holocaust überlebt


 

Lotte Steinweg

 

Lotte

geb. 12.04.1922 in Horstmar
verh. Levin


deportiert: 10.11.1941 Ghetto Minsk

ermordet


Ruth Steinweg

 

Ruth

geb. 25.03.1924 in Horstmar


deportiert: 11.12.1941 Ghetto Riga
deportiert: 1942 KZ Stutthof

deportiert: 29.11.1944 KZ Flossenbürg

Ruth hat den Holocaust überlebt

 

Walter Steinweg

 

Walter

geb. 18.07.1926 in Horstmar

deportiert: 11.12.1941 Ghetto Riga deportiert: KZ Mühlgraben

deportiert: Gefängnis Hamburg-Fuhlsbüttel deportiert: KZ Kiel-Hasse

Walter hat den Holocaust überlebt


 

Grete

geb. 22.10.1928 in Horstmar


deportiert: 11.12.1941 Ghetto Riga
deportiert: KZ Mühlgraben

ermordet am 22.10.1944

 

 

Ingeborg

geb. 1930 in Horstmar

Im Alter von 3 Monaten verstorben

und auf dem Horstmarer Friedhof beigesetzt

 

 

Liesel

geb. 22.09.1931 in Horstmar

deportiert: 11.12.1941 Ghetto Riga
deportiert: 01./02.11.1943 KZ Auschwitz

ermordet

 

 

Doris

geb. 12.06.1937 in Krefeld

deportiert: 11.12.1941 Ghetto Riga
deportiert: 01./02.11.1943 KZ Auschwitz

ermordet

 

 

Bilba

geb. 10.04.1939 in Krefeld

deportiert: 11.12.1941 Ghetto Riga
deportiert: 01./02.11.1943 KZ Auschwitz

ermordet

 

 

 

Schicksal der Familie Rosa und Louis Steinweg

Die Eheleute Louis und Rosa Steinweg lebten mit ihren Kindern von 1924 bis 1934 in der Gossenstraße, unmittelbar neben der Synagoge. 1934 wurde das Haus verkauft und die Familie in einer mehr als ärmlichen Behausung in der Überwasserstraße untergebracht. Einige Horstmarer, die sich daran erinnern, erzählen, dass dieses Haus lediglich ein besserer Stall gewesen sei.

Walter Steinweg, geb. 1926, war das fünfte von insgesamt 9 Kindern der Familie Steinweg. Er, sein Bruder Kurt und seine Schwestern Paula und Ruth überlebten den Holocaust.

Walter Steinweg: vierter Junge von links, unterste Reihe

 

Ruth Steinweg: viertes Mädchen von rechts, zweite Reihe von untern

 

Kurt Steinweg: dritter Junge von links, untertes Reihe

 

Die Eltern und fünf Schwestern wurden erschossen, vergast oder kamen bei Bombenangriffen ums Leben. Die Ausbreitung des Antisemitismus in Horstmar und die Bekanntgabe der ältesten Tochter Paula (geb. 1913), dass sie Walter Cohn heiraten und nach Krefeld ziehen wolle, veranlasste die Eltern Rosa und Louis Steinweg, mit ihren Kindern Horstmar zu verlassen und ebenfalls nach Krefeld zu ziehen.

Hier lebten sie bis 1941, als die Nazis die ganze Familie Steinweg - mit Ausnahme der Schwestern Paula und Lotte - ins jüdische Ghetto nach Riga/Litauen deportierte.

In der Pogromnacht wurde Walter Cohn, der Mann von Paula, festgenommen und in das Konzentrationslager Buchenwald gebracht. Zu der Zeit bestand als einzige Möglichkeit aus dem KZ Buchenwald entlassen zu werden, dass man Papiere für eine Ausreise vorlegen konnte. Im Jahr 1939 flohen Paula, ihr Mann Walter und ihr kleiner Sohn Rolf nach Shanghai. Erst 1948 konnten sie Shanghai verlassen und wanderten in die USA aus.

Im Oktober 1941 wurde Lotte Levin, 19 Jahre alt, (geb. Steinweg) mit ihrem Mann Julius, die zu der Zeit in Düsseldorf lebten, in das KZ Minsk/Russland deportiert. Überlebende dieses KZ berichteten nach dem Krieg, dass Julius Levin im Lager von der SS beim Tausch von Kleidung gegen Nahrung erwischt wurde. Als Warnung für alle wurden er und seine Frau Lotte festgenommen und getötet. Die übrigen Lagerinsassen mussten üblicherweise der Tötung ihrer Leidensgefährten zusehen.

Am 10. Oktober 1941 wurden Louis und Rosa Steinweg mit ihren Kindern Kurt (21 J.), Ruth (17J.), Walter (15J.), Grete (13J.), Liesel (10J.), Doris (4 J.) und Bilba (2 J.) in das Ghetto Riga deportiert.

Viele Männer von diesem Transport wurden im Dezember 1941 in das KZ Salaspils geschickt. Louis Steinweg und sein ältester Sohn Kurt waren unter ihnen. Man sagte ihnen, ihre Familien würden folgen, wenn sie dort Häuser für sie gebaut hätten. Ca. 3 Wochen später suchte die SS Freiwillige, die in das Ghetto Riga zu ihren Familien zurückkehren wollten. Louis Steinweg meldete sich. Anstatt mit seiner Familie vereint zu werden, fuhr man die Männer mit Bussen in den Hochwald von Riga, wo sie getötet und in ein Massengrab geworfen wurden.

Nach der Auflösung des KZ Salaspils wurde Kurt in das nicht weit von Riga entfernte KZ Kaiserwald geschickt.

Am 2.11.1943 stellte die SS alle im Ghetto Verbliebenen auf und trennte die gesund Aussehenden von den Alten, Kranken und nicht gesund Aussehenden. Zu den derart Ausgemusterten zählten Alte, Kinder, Kranke und diejenigen, die sich von ihnen nicht trennen ließen. Sie wurden erst auf Lastwagen, später in Zugtransporte geladen und ins KZ Auschwitz gebracht, wo sie in der Gaskammer getötet wurden. Da sich Rosa Steinweg nicht von ihren jüngeren Töchtern Liesel (12 J.), Doris (6 J.) und Bilba (4 J.) trennen wollte, wurden alle vier nach Auschwitz gebracht und dort vergast. Rosa sagte zu ihrer Tochter Grete, die an diesem Tag auch im Ghetto war, sie solle nicht bei ihr und den Schwestern bleiben. So wurde sie nicht mit ausgewählt und nach Auschwitz deportiert.

Als Walter am Abend von seinem Arbeitseinsatz ins Ghetto zurückkehrte, erzählte seine Schwester Grete ihm, was geschehen war.

Die Tochter Ruth war im Jahr 1942 vom Rigaer Ghetto aus ins Konzentrationslager Stutthof gebracht worden. So waren Grete und Walter nun die einzigen noch in Riga verbleibenden Familienmitglieder. Einige Tage nach dem 2.11.1943 begann das Naziregime, das Rigaer Ghetto aufzulösen. Grete und Walter wurde gesagt, dass sie in ein von der SS für das Armeebekleidungsamt in Mühlgraben errichtetes Konzentrationslager geschickt würden, um dort zu arbeiten.

Als die Nazis das Konzentrationslager Kaiserwald auszulösen begannen, wurde Kurt am 4.2.1944 in das Konzentrationslager Mühlgraben gebracht um dort für das Armeebekleidungsamt zu arbeiten. Im Februar 1942 kamen Kurt, Walter und Schwester Grete im Konzentrationslager Mühlgraben wieder zusammen.

Als die Rote Armee sich Riga näherte, mussten die Geschwister die in den Lagerhäusern verbleibende Kleidung im Mühlgrabener Hafen auf angedockte Schiffe laden. Am 8.10.1944 wurden sie nach der Beladung eines Schiffes mit Kleidern - auf diesen Kleidern liegend - nach Libau/Litauen transportiert. Während eines Bombenangriffs der Russen auf den Libauer Hafen in der Nacht vom 22.10.1944 wurde Grete Steinweg getötet, als eine Bombe den Splittergraben traf, in dem sich die Juden während eines Bombenangriffes zu verstecken hatten.

Am 19.2.1945 brachte die SS ca. 150 Personen, darunter die Brüder Kurt und Walter, auf das Schiff, das sie vorher mit der Kleidung beladen hatten. In der Nacht verließ das Schiff den Hafen und fuhr auf das Meer hinaus, mit Kurs auf Hamburg. Als die amerikanischen und britischen Truppen Hamburg umringten, mussten die in Fuhlsbüttel Verbliebenen am 14.4.1945 ins Konzentrationslager Kiel-Hasse marschieren. Diejenigen, die während dieses Marsches fielen oder krank wurden, wurden von der SS abtransportiert und nie wieder gesehen.

Die Menschen erreichten das Lager am 17.4.1945. Während dieses Lageraufenthalts wurden viele der Menschen krank und abtransportiert und nie wieder gesehen. Die restlichen wurden jeden Morgen um 6h aus den Baracken geholt, mindestens eine halbe Stunde in einer Reihe aufgestellt stehen gelassen und bekamen dann ihren Tagesplan.

Die SS brachte Walter Steinweg an einem Tag zu einer Baracke, die als Lagerraum für die Toten genutzt wurde. Ein Lastwagen fuhr vor, und seine Arbeit bestand darin, die Toten in leere Strohsäcke zu stecken, die als Matratze genutzt worden waren. Die Säcke wurden zugebunden, auf den Lastwagon gehoben und so hoch gestapelt, wie der SS Wachposten es für nötig hielt. Der Wachtposten pflegte zu denjenigen Menschen herüberzugehen, die für tot gehalten worden waren und noch atmeten. Er holte dann seine Pistole hervor, beschimpfte sie und schoss sie solange in den Kopf und ins Herz, bis er sicher war, dass sie tot waren. An diesem Tag hatte Walter am meisten Angst davor, vom Wachtposten zum Mitfahren auf dem Wagen und Entladen der Leichen abgeordnet zu werden. Danach würde man selbst auch als Toter enden.

Nachdem die KZ-Häftlinge am Morgen des 1.5.1945 etwa eine Stunde in der Reihe standen, wurde ihnen klar, dass etwas passieren würde. Sie mussten LKW besteigen und wurden nach Kopenhagen gebracht. Von hieraus brachte sie eine Fähre nach Malmö/Schweden.

Das Leben im Naziregime bis Ende des Jahre 1941 und die anschließende 3,5jährige Einkerkerung im Konzentrationslager durch eben dieses Regime hatte seinen Tribut gefordert und tiefe körperliche und seelische Wunden bei den beiden Brüdern hinterlassen.

Walter war fast 19 Jahre alt und zu der Zeit sehr ängstlich, ohne Berufsausbildung und wog ca. 80 Pfund. Bis zum Juli 1948 blieben Kurt und Walter Steinweg in Schwedern, bis sie mit Hilfe ihres Onkels Max Steinweg und des Patenonkels von Walter, Ernst Eichenwald, der auch gebürtig aus Horstmar stammt, im Juli 1948 nach New York/USA auswanderten.

 

 

 

Stolpersteine, Familie Steinweg - Horstmar
Anlässlich der Stolperstein-Verlegung am 28.04.2009 vor dem Wohnhaus der Familie Rosa und Louis Steinweg, Gossenstr. 1, Horstmar, hielt Axel Boddenberg - Mitglied der “Initiative Stolpersteine Horstmar” - folgende Ansprache:



Werte Anwesende!
Dear citizens of Horstmar,

Zum zweiten Male haben wir uns anlässlich der Verlegung von Stolpersteinen zu einer Gedenkveranstaltung versammelt.
This is the second time we come together to watch Stolpersteine being laid and to commemorate those whose names are ingraved on them.

Die Namen der jüdischen Mitbürgerinnen und –bürger, die vertrieben wurden und die umgekommen sind, werden wir gleich hören.
We will soon hear the names of the Jewish citizens of Horstmar who were expelled from this town and who died later on.

Und mit jedem Namen hören wir auch verzweifelte Schreie. Wir hören stummes Entsetzen. Wir hören vernichtende Parolen. Wir hören ängstliches Schweigen. Wir hören grausames Lachen. Wir hören Gebete, die nie an das Ohr anderer Menschen gedrungen sind. Wir hören die schmerzende Stille einsamer Verzweiflung.
With every name mentioned we will hear cries of despair. We will hear silent cries of horror. We will hear destructive slogans. We will hear silence caused by fright. We will hear cruel laughter. We will hear prayers that never reached another person’s ear. We will hear the painful silence of solitary despair.

Auch nach so vielen Jahrzehnten stehen wir immer noch mit Schuld und Schrecken vor dem, was damals geschehen konnte. Wie war das möglich? Wie konnten Menschen ihren Mitmenschen so etwas antun? Wie konnten Hass und Grausamkeit ein solches Ausmaß erreichen? Even after so many decades have passed we are still speechless in view of what happened during these years. How was anything like this possible? How could people do this to other people? How could hatred and cruelty reach such a scale?

Wäre etwas anderes möglich gewesen? Man hätte doch… Would anything else have been possible? One could have …

Der Satz bleibt mir im Halse stecken. Denn ich muss mich ja selbst fragen: Was hättest Du denn getan, wärest Du damals dabei gewesen? Wärest Du so mutig gewesen, den Mund aufzumachen, die berufliche Existenz aufs Spiel zu setzen, Angehörige und Freunde in Mitleidenschaft zu ziehen, die Konsequenz einer Inhaftierung zu tragen, ja selbst den Tod nicht zu fürchten?
I cannot finish the sentence, I need to ask myself what I would have done had I been present. Would I have been courageous enough to open my mouth, to put my own existence and the lives of my relatives and friends at risk, to bear the consequences of imprisonment – ultimately, would I have been courageous enough not to fear death?

Es ist das Wissen um die eigene Schwäche, die einem die Schamesröte ins Gesicht treibt, die aber auch davor bewahrt, überhebliche Urteile über andere zu fällen. It is the knowledge of our own weakness that makes us blush. At the same time, it keeps us from making arrogant judgments of others.

Wie war es möglich, dass damals so etwas geschehen konnte? Diese Frage bleibt und wir werden keine befriedigende Erklärung finden und uns eines Tages beruhigt zurücklehnen können. Leid, Gewalt, Tod, Menschen von Menschen zugefügt, müssen eine offene Wunde bleiben. Was getan und was unterlassen wurde, kann nicht einfach ausradiert werden. Wir müssen uns das Gefühl für Schmerz und Schuld bewahren. Das ist unangenehm und immer wieder versuchen wir, dem auszuweichen. Aber nur, wenn wir es nicht tun, können wir daraus lernen.
How was it possible for anything like this to happen? The question remains; we will not find a satisfying answer that will allow us to lean back and relax. Pain, violence and death are deeds that were afflicted by one human being onto another and will remain an open wound in our society. What has and has not been done cannot be eradicated. We need to keep a sense of pain and wrongdoing – knowing that this is unpleasant and that we keep trying to avoid it. However, only if we do not shy away from it will we be able to learn from the past.

Und begreifen müssen wir auch, dass wir nicht fertig werden mit dem Antisemitismus. Er gehört zu uns. Wir müssen ihn bekämpfen als einen Teil unserer Welt. Nicht als etwas, das uns äußerlich ist. Wir können uns nicht imprägnieren gegen ihn. Er kommt nicht von außen. Er steckt in uns. Er ist Produkt unserer Angst und unserer Wut.
We also need to understand that we have not finished with antisemitism. It belongs to us. We need to fight it as part of our world. It does not come from outside of us. It is part of us, it is a product of our fear and anger.
 
 
 
 


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